Norbert Bolz: Der Kult des Authentischen im Zeitalter der Fälschung

[in Anne-Kathrin Reulecke (hrsg.): Fälschungen, Suhrkamp 2006]

408-410:
“Man könnte auch fragen: Gibt es Entwicklungen unserer modernen Gesellschaft, die einer Kultur der Fälschung den Boden bereiten? Zur Beantwortung dieser Fragen beschränke ich mich zunächst auf fünf Punkte:
1. Die Kultur des Vergleichs. /…/
2. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit. Auch das kann man als Verlust der Echtheit erfahren, aber auch als Befreiung von der Aura des Hier und Jetzt – Walter Benjamins großes Thema. Entscheidend ist hierbei, daß Reproduzierbarkeit nich ein äußerliches Schicksal ist, das der Kunst widerfährt, sondern daß sie die innersten Produktionsbedingungen von Kunst selbst verändert. Mit Originalem, Einmaligem und Echtem kann man nun gar nichts mehr anfangen.
3. Die Digitalisierung als Schlüsseltechnik für das Zeitalter der Fälschung. Ein neues digitales Alphabet gilt heute für Bilder, Worte und Klänge gleischermaßen. Die Pixelkonfigurationen der errechneten Bilder kennen, außer den technischen Standards, prinzipiell keine Grenze der Gestaltwerdung und Bildmanipulation. /…/
4. Die Konjunktur des Konstruktivismus. Diese Radikalisierung des Kantianismus macht aus der spezifisch modernen Not des Referenzverlusts allen Wissens eine Tugend. /…/ Das Problem der Täuschung hat den Kantianismus provoziert, das Problem der Fälschung provoziert den Konstruktivismus.
5. Die Konjunktur der Verschwörungstheorien. Die Annahme, daß verschwörische Unternehmungen in Gang seien, entlastet von der Unverständlichkeit des Weltlaufs dursch Zuschreibung auf Schuldige, Drahtzieher im Hintergrund. Das reicht von dem sanften Wahn, die Amerikaner hätten den Mond nie betreten und das Ereignis in einem Filmstudio inszeniert, bis zu dem perniziösen Wahn, die amerikanische Regierung selbst habe den Terroranschlag aud die Twin-Towers angeordnet. Je komplexer die Welt, desto anfälliger für Paranoia.”

411:
“Techno ist eigentlich keine Musik, sondern CAD-Sound: computer aided sound design. Techno-Musiker können meistens keine Noten lesen, aber mit dem Sampler umgehen. Um es aud eine einfache Formel zu bringen: Techno ist die Emanzipation der Musik vom Musiker. /…/
Der Sampler ist ein Computer, der Musik in einen frei variierbaren Datenstrom verwandelt. So entsteht autorenlose No-Copyright-Musik. Jetzt gehören die Töne – John Cage behält recht – tatsächlich nicht mehr dem Menschen.”

414-415:
“Aber die spannende Frage nach den Wechselwirkungen von Krieg und Medienberichterstattung sollte nicht gleich wieder ‘kritisch’, d.h. mit heißem Herzen, in die Sackgasse des Manipulationsverdachts hineingesteuert werden. Viel zu unterschiedlich sind die Effekte der Weltnachrichten, als daß man sie aufs Schema der ‘Legitimation’ reduzieren könnte. /…/

Im letzten Irak-Krieg wurde denn mitt dem Einsatz der embedded journalists die Schraube der Desinformation noch eine Windung weiter gedreht. Das hatte zur Folke, daß die kritischen Berichterstatter nur noch berichteten, daß kritische Berichterstattung unmöglich sei. Und deshalb hat man mehr denn je die Wirklichkeit des Krieges mit den Bildern der Opfer identifieren wollen. Der kritische Journalismus was gewissermaßen auf dem Niveau Adornos angekommen: Leiderfahrung als Wahrheitsbedingung. Doch das war gleich doppelt neiv. Man hatte zum einen nicht begriffen, daß ein Info-War eine unabhängige Berichterstattung ausschließt, weil ja jede Information eine Waffe ist. Und man hatte zum anderen nicht begriffen, daß die stets verfügbaren Bilder vom Leiden der Zivilbevölkerung selbst Elemente des Informationskrieges sind. Nolens volens werden Journalisten damit zum Kombattanten im Info-Krieg.
Gerade deshalb blüht heute die Rhetorik der Authenzität, und Medienleute formulieren in den Medien selbst eine Radikalkritik der Medien. Hier kann man beobachten: Genau so wie die Kopie das Original erzeugt, so erzeugt die Medienwirklichkeit erst die Erwartung einer authentischen Realität. Deshalb gehört komplementär zur Hi-Tech-Popkultur der Kult der Straße.”

416:
“Authentizität ist der Begriff für den spezifisch antimodernen Affekt. Soziologen könnten aber sicher zeigen, daß er gleichzeitig mit der Geldwirtschaft und ihren Abstraktionen entstanden ist. /…/
Die Krise der Echtheit und der Kult des Authentischen sind also Komplementärphenomene. Daß Echtheit der Kultwerk der Kunstwelt und Authentizität sein Nachfolgebegriff ist, hat ja schon Walter Benjamin sehr schön gezeigt.”

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