Kittlerdeutsch

Geoffrey Winthrop-Young: Friedrich Kittler zur Einführung
Junius 2005

62: “…Adornos bemühen, den Gedanken und seine sprachliche Verfasstheit einander anzunähern, um den Gegensatz zwischen Ausdruck und Inhelt zu unterlaufen. Aud Adornodeutsch ausgedrückt ging es ihm darum, dass die Anstrengung kritischen Eingedenkens noch in der Reflexivität des Satzbaus sichtbar sich erweise”

63: “Von diesem philosophisch veredelten sich hielt Kittler immer schon recht wenig:

Weil ich in Freiburg groß geworden bin und Heidegger libte, nich in Frankfurt studierte und auch nicht besonders Adorno liebte und alle meine Generationsgenossen sich adornosieren ließen in ihrem Stil, habe ich mir einfach eines schönen Tages verboten, das Wort sich zu benutzen. Das habe ich entdeckt wie ein Ei des Kolumbus. An dem Gebrauch oder Nicht-Gebrauch des Wortes ‘sich’, Reflexivpronomen, hing der ganze Adornismus! alles was an Adorno ist, schreibt sich eigentlich mit dem reflexiven Pronomen, und wenn das weg ist, schreibt man ganz anders, und ein bestimmter Idealismus verschwindet. Es gibt keine Beziehung mehr zu ich selbst, weil das Wort sich verboten ist, also wenn Heidegger sagt ‘an ihm selbst’ anstatt ‘an sich selbst’, was ein wichtiges Beispiel für mich war.
[Platz de Luftbrücke. Ein Gespräch, 2002]

/…/
aufmerksamen Lesern fällt Kittlers gelegentliche Neigung auf, Reflexivverben ihres Reflexivpronomens zu berauben (z.B. wird aus ‘sich erinnern ein einfaches ‘erinnern’). So wie Kittlers Theorie eine Offensive gegen das signifikante Wörtchen sich darstellt, so steckt in der Verwandlung von Reflexivverben in transitive Verben der Übergang vom philosophischen Idealismus deutscher Prägung zur strukturalen Psychoanalyse à la française. Wo sich wegfällt, so Kittler, da gibt es keinen Bezug zum Innen mehr; der gerühmte Bezug zu sich selbst erweist sich bei kühlerer Betrachtung als eine Folge des Bezugs nach außen.”

63-64: “Mit anderen Worten, ich ist nicht etwas, dessen ich mich reflexiv vergewissern kann, ich ist etwas, das zustande kommt, weil andere du sagen und diese Adresse mit einem Namen versehen.”

65: “So sehr der Techniktheoretiker Kittler sich auch von dem technisch unbedarften Adorno distanzieren mag, so sehr stimmen sie darin überein, dass Stil und theorie nicht unverbunden nebeneinander stehen können und das persönliche rfahrungen in beide hineinspielen.”

67: “Was sind die aufschlussreichsten stilistischen Merkmale? Da ist die inflationäre Häufung von Attributen und Adverbien wie nur, einfach nur, schlicht, klar, schon weil, nicht als und selbstredend, die vor allem dann eingesetzt werden, wenn Hochgeistiges auf vermeintlich simple technische Nenner zurückgeführt bzw. diese technischen Sachverhalte selbst erklärt werden.”

68-69: “Kittlers Argumentationsweise lässt sich mit herkömmlichen rhetorischen Begriffen nicht recht fassen; hier geht es eher um etwas, was auf Englisch debunking genannt wird. /…/
Seither steht Buncombe bzw. bunkum für dummes Gerede und das Verb to debunk für dessen Entlarvung, indem unverblümt klargestellt wird, dass wenig oder nichts dahinter steckt. Derrida ist mehrfach als debunker bezeichnet worden, weil er sich aud die Entlarvung uneingestandener metaphysischer Befangenheiten spezialisiert; Marx, der den Idealismus aud seine handfesten ökonomischen Füße stellen will, gilt als ein debunker Hegels, und Nietzsche als ein debunker von so ungefähr allem, was philosophisch Rang und Würde hatte.
Kittler wird zwar bunkum vorgeworfen, er ist aber selbst ein debunker. /…/
Humanistischen Übertreibungen werden ‘nüchterne’, ‘sachliche’, ‘kalte’ oder ‘harte’ (om seine Lieblingsadjektive Revue passieren zu lassen) Untertreibungen entgegenstellt, doch diese übertreibenen Untertreibungen sind nich nur nach außen, also gegen alle humanistisch-hermeneutische Hyperbolik gerichtet, sondern auch nach innen: Kittler setzt Übertreibungen ein, um sich in Fahrt zu bringen.”

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