Ordoliberalismus gegen Polanyi

“Deshalb hatten die Ordoliberalen, die such ursprünglich ‘Neoliberale’ nannten, mit gutem Grund die Rolle des ‘Marktrandes’ hervorgehoben. So betonte Alexander Rüstow in seinem Aufsatz Paläoliberalismus, Kommunismus und Neoliberalismus, ‘dass der Marktrand, der Marktrahmen, das eigentliche Gebiet des Menschlichen ist, hundertmal wichtiger als der Markt selbst. Der Markt selber hat lediglich eine dienende Funktion … Der Markt ist ein Mittel zum Zweck, ist kein Selbstzweck, während der Rand eine Menge Dinge umfasst, ie Selbstzweck sind, die menschliche Eigenwerte sind.’
Dieser ‘Marktrand’ stellt die Nahtstelle zwischen marktwirtschaftlichem System und gesellschaftlicher Lebenswelt dar. /…/ Entscheidende Fragen betreffen nicht die interne Funktionsweise des marktwirtschaftlichen Systems, sondern seine normativen Voraussetzungen und Orientierungshorizonte. Für wen und wofür soll denn das System effizient funktioneren? ‘Rein’ ökonomisch lassen sich derartige Fragen nicht beantworten; entsprechend umstritten sind sie politisch.

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Polanyis These vom sich fortschreitend verselbständigenden und dominant werdenden ökonomischen System ist bei vordergründiger Betrachtung zwar plausibel, aber enthält ein grundlegendes Missverständnis: Es gibt kein von ethischen und politischen Voraussetzungen freies marktwirtschaftliches System.
Jede Ausgestaltung der Marktwirtschaft ist unausweichlich wirtschaftsethisch und politisch-philosophic eingebettet, also an bestimmte normative Leitideen vom guten gesellschaftlichen Zusammenleben gebunden. Noch die radikalste Konzeption einer deregulierten Marktwirtschaft beruht auf einem bestimmten Wirtschaftsethos und muss politisch durchgesetzt und rechtsstaatlich institutionalisiert werden. /…/
Adam Smith und John Stuart Mill /…/ gingen noch von der aristotelischen Trias von Ethik, Politik und Ökonomik aus, in dieser Reihenfolge. Diese zwischenzeitlich verlorene Ordnung der Dinge gewinnt heute neue Aktualität.
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Die neoklassische Gleichgewichtstheorie beruht auf einer in christlich-schöpfungstheologischen Überzeugungen wurzelnden mathematisierten Metaphysik des Marktes. Sie zelebriert eine aus ethisch-politischen Bindungen restlos herausgelöste Harmonie-Ökonomik.
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Die normative Botschaft solcher ‘sozialer Physik’ als Fundament des Marktliberalismus ist nicht schwer zu verstehen. Das alles passte natürlich wunderbar zu den frühbürgerlichen Interessen und Legitimationsbedürfnissen der Zeit.
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Das Problem besteht darin, dass die normative Logik des Vorteilstausches nicht identisch mit der normativen Logik der Zwischenmenschlichkeit ist: /…/
Das erfordert eine unparteiliche, gegenüber den unterscheidlichen privaten Lebensentwürfen der Bürger neutrale öffentliche Grundordnung, die rechtsstaatlich durchzusetzen ist als Ermöglichungsbedingung eines bunten gesellschaftlichen Pluralismus der Lebensformen und Weltanschauungen. Diese strukturelle Zweistufigkeit ist das Schlüsselkriterium eines wohlverstandenen Politischen Liberalismus, wie ihn John Rawls in seinem gleichnamigen Buch skizziert hat.

Peter Ulrich: “Republikanischer Liberalismus. Zum Verhältnis von Wirtschaft und Gesellschaft”
Merkur X/2010

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