Friedrich Kittler als Philosoph

Als aber der zweite Teilband 2009 erschien und abrupt mit dem “Anhang” einer kleinen Weltenchronik abbrach, ahnte man schon, dass auch dieses große Projekt, wie Foucaults Sexualität und Wahrheit, unvollendet bleiben würde und heikle editorische Aufgaben Nachwelt zukämen.

Der zweite Teilband Eros erörtete einen frühen Verfall erotischer Kultur in der Trennung von Musik und Mathematik, Kunst und Philosophie und spielte dabei Sparta gegen Athen und Homer und die Pythagoréen gegen den Platonismus aus.
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Mit und gegen Heidegger sprach Kittler erneut von “Seinsgeschichte” und “Seinsvergessenheit”. Die Trennung von Kunst und Wissenschaft führte, so seine Verfallsskizze, zu einer Emanzipation der Mathematik von ihrer lebensweltlichen Bindung und zur militärtechnischen Verwertung. Aus der Liebe als “Mimesis der Götter” wurde schon im römischen Imperium eine animalisch vergröberte “Mimesis von Tieren”. Kittler verwies dagegen auf die Liebe und Musik als Grund glückender Erfahrung des “Seins”. Schon stilistisch dementierte er die abendländischen Trennung durch einen hohen subjektiven Ton.

Nur weniger Wochen nach seinem Tod, im November 2011, erschien dann unter dem Titel Das Nahen der Götter vorbereiten ein hermeneutischer Schlüssel zum Spätverk, der die Kontinuität des Lebensthemas und der abenländischen Geschichte von Mathematik und Musik betonte. Kittler sprach wieder von der von ihm verehrten Rockmusik der späten sechsiger Jahre /…/ und schloss sein dionysisches Erleben mit den griechischen Anfängen zusammen.
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Ein 2012 aus dem Nachlass veröffentlichter Vortrag Isolde als Sirene öffnet nun gleichsam ein Fenster zum ungeschriebenen dritten Band Hesperien über die Entwicklung der Liebe im Abendland. /…/
Die Liebe definiert er dabei, wohl für sein Gesamtprojekt gültig, als “Begehren nach Anerkennung des Begehrens selber” oder einfach auch als “Gegenliebe”.
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Ungleich gewichtiger als diese letzten schmalen Fink-Publikationen ist nun aber die 2013 erschienene Suhrkamp-Sammling Die Wahrheit der technischen Welt. Gumbrecht stellt hier die Entwicklung und Einheit des Werkes prägnant zur Diskussion, indem er Kittler an den späten Heidegger annähert.
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Gumbrecht spricht von einer frühen “Konvergenz von Nietzsche, Lacan und Foucault” und verstärkten Hinwendung zum Spätwerk Heideggers und streicht auch einen “Anti-Amerikanismus” und “Techno-Patriotismus” in der Beschreibung des “Technologie-Transfers” im 20. Jahrhunderts heraus. /…/ Heideggers Seinsgeschichte hatte alles vergessem, was Kittler fundamental wichtig war: Musik und Mathematik, Pythagoras und die Frauen. /…/ Philosophisch blieb sein Werk in der Beschwörung der Möglichkeit der (heterosexuellen) Liebe gegen die globale Maschinenmacht.
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Auf Mathematik basiert Technik, und Computertechnik beherrscht heute die Welt. Die Liebe aber, von deren “romantischer Erfindung” Kittler Ende der ziebziger Jahre ausging, ist jenseits romantischer Fiktionen eigentlich immer möglich.

Reinhard Mehring: “Friedrich Kittler als Philosoph”
Merkur, August 2013, s. 731–735

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